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Sabine
Eder
Jetzt lasst uns mal ran!
Bedingungen, Methoden, Beispiele und Ziele
medienpraktischer Arbeit mit Kindern
Anmerkung 1: Dieser Artikel ist in leicht veränderter Fassung
erschienen in der Publikation "Medienkompetenz: Grundlagen
und pädagogisches Handeln" Hg.: Schell, Fred/ Stolzenburg,
Elke/ Theunert, Helga. KoPäd-Verlag (Reihe Medienpädagogik;
Band 11), München 1999, S. 111ff.
1. Bedingungen vor Ort
In Kindergarten und -hort ist das Interesse an medienpädagogischer
Arbeit immer wieder 'en vogue'. Auch Eltern sind zumeist sehr interessiert,
wenn es um die 'Medienerziehung' ihrer Kinder geht. Doch geschieht
dies leider häufig auf dem Hintergrund bewahrpädagogischer
Ansätze, die durch öffentliche Diskussionen um "Schmuddel-TV"
oder "Pornografie im Internet" stets neu entfacht werden.
Diese Art der medienerzieherischen Auseinandersetzung verliert sich
schnell in der Suche nach "Verursachern" für kindliche
Ängste oder Aggressionen, die scheinbar aus dem unendlichen
Meer von Medienbildern entstanden sind: das monokausale Ursache-Wirkungs-Prinzip
wird einmal mehr bemüht und seine Verfechterinnen und Verfechter
erwecken den falschen Eindruck, dass erzieherische Maßnahmen
aus einfachen Regelwerken und Verboten bestehen können. Erziehende
sind durch derartige Diskussionen oft verunsichert und dies führt
nicht selten zu einer Abwehrhaltung gegenüber medienerzieherischen
Angeboten. Aussprüche wie: 'Nun sollen die Kinder auch noch
im Kindergarten glotzen? Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein!'
sind Teil unserer alltäglichen medienpädagogischen Arbeit.
Weiterhin befürchten manche Erzieherinnen bzw. Erzieher, dass
sog. Fachleute ihnen, die doch seit Jahren in der Praxis tätig
sind, fehlende Kompetenzen unterstellen oder ihnen gar ein defizitäres
pädagogisches Arbeiten vorwerfen. "Da kommen dann solche
Medienexperten und die meinen die Lösung parat zu haben!"
Derartige Vorbehalte und Befürchtungen sind durchaus ernst
zu nehmen, denn sie haben zunächst ihre Berechtigung. Es gilt
daher, sie offen anzusprechen und zu bearbeiten. Dass pädagogische
Ziele gerade durch und mit Medien attraktiv und spannend umgesetzt
werden können, muss in das Bewußtsein der Erziehenden
gelangen. Erst dann kann medienpraktische Arbeit im Spannungsfeld
zwischen Eltern, professionell Erziehenden, Kindern und Fachleuten
stattfinden. Nur wenn die verantwortlichen Bezugspersonen der Kinder
gemeinsam in einen medienpädagogischen Diskurs eintauchen,
kann eine sinnvolle, aufeinander aufbauende Medienerziehung fruchten.
Solange in den Köpfen aber die Medien, allen voran das Fernsehen,
weiterhin als alleinige Quelle dafür skandaliert werden, dass
manche Kinder aggressiv und überreizt sind oder ein verzerrtes
Bild von der Wirklichkeit haben, kann die dringend notwendige medienpädagogische
Arbeit nicht stattfinden. Aber auch Expertinnen bzw. Experten müssen
ihren Status zugunsten eines "Miteinander-Handelns" aufgeben.
Wenn wir als Medienfachleute anderen einen "pädagogischen
Zeigefinger" vorwerfen und diesen selber verdeckt erheben,
kann eine kreative und produktive Auseinandersetzung auch von Seiten
der Erziehenden niemals vonstatten gehen.
Es gibt aber auch eine große Anzahl von Erziehenden, die schon
lange medienpraktische Projekte in ihre Arbeit einbauen. Diese müssen
nicht selten private Gerätschaften wie Fotoapparate oder Videokameras
zur Verfügung stellen, um Medienprojekte realisieren zu können,
denn viele Einrichtungen sind oft nur bescheiden oder gar nicht
mit technischen Medien ausgestattet. Aber trotz Engagement und Erfahrung
fehlen oft die medienpädagogischen Grundlagen, aktuelles Fachwissen
und technische Fertigkeiten, um eine adäquate Arbeit in der
eigenen Institution durchführen zu können, die konstruktiv,
differenziert und handlungsorientiert auftritt. Die meisten Bundesländer
verankern die Medienpädagogik im Lehrplan der Ausbildung für
Erziehungs- und Lehrberufe nur am Rande. Zudem handelt es sich zumeist
schwerpunktmäßig um die sogenannte "Knöpfchenkunde".
Diese Vermittlung von medienpädagogischem "Know-how"
muß also in Aus- und Fortbildungen für Erziehungsberufe
eingebettet sein und darf auch in der medienpädagogischen Elternarbeit
nicht fehlen. Der Ausspruch einer Erzieherin mag das Problem verdeutlichen:
"Wir müssen uns das alles selbst aneignen, das ist ja
kaum zu schaffen, und Fortbildungen zu diesem Thema sind selten."
Eine weitere Hürde bei der Realisierung von Medienprojekten
mit Kindern ist die Finanzierung, da die einzelne Einrichtung kaum
die nötigen Gelder für Materialien, technische Geräte
und Honorare bereitstellen kann.
Gerade in unserer zunehmend komplexer werdenden Gesellschaft nimmt
die Schwierigkeit für Kinder zu, sich in den medialen und realen
Lebenswelten zu orientieren. Medien sind "Fenster zur Welt",
sie transportieren Stimmungen und Gefühle, sie erzählen
Geschichten, illustrieren zahlreiche Facetten des menschlichen Daseins
auf anregende Weise, bunt, emotional ansprechend und jederzeit verfügbar.
Mediengeschichten können es Kindern ermöglichen, sich
mit ihren Phantasien, Ängsten und ihrer Sicht auf die Welt
auseinanderzusetzen. Dabei werden Kinder von ihren spezifischen
individuellen, gruppen- und alterstypischen Themen geleitet. Das
Wissen um diese "handlungsleitenden Themen", wie Bachmair
sie nennt, ist notwendig, um die Auseinandersetzung mit der Medienwelt
zu begleiten und zu unterstützen (vgl. Bachmair 1994, S. 177),
denn sie bestimmen die kindlichen Wahrnehmungen und Sichtweisen.
Kinder stehen wie alle anderen Menschen in der Gefahr, von Medien
um wichtige Anteile ihrer Lebensmöglichkeiten und -erfahrungen
gebracht zu werden. Deshalb sollte Medienerziehung Kinder dabei
unterstützen, den Medien gegenüber zu einem gestaltenden
und subjektiven Verhältnis zu gelangen. Dabei ist insbesondere
die Frage wichtig, ob und wie es Kindern gelingt, in einer medialen
Welt ihre subjektiven Themen zu leben und zu bearbeiten. Die praktische
Medienerziehung mit Kindern setzt genau bei dieser Frage an und
versucht, den Kindern Gelegenheit zu geben, sich mit eigens gewählten
Themen handelnd auseinanderzusetzen. Für Kinder müssen
Situationen arrangiert werden, in denen sie die Möglichkeit
erhalten, ihre handlungsleitenden Themen zu bearbeiten oder zumindest
symbolisch darzustellen (vgl. Bachmair 1994, S. 41), nur so kann
ihnen ein Erfahrungsraum eröffnet werden, der für sie
von Interesse und Belang ist.
Aus pädagogischer Sicht müssen wir begreifen, dass Kinder
im Kommunikationsprozess aktiv tätig sind. Sie sind den Medien
nicht nur "ausgeliefert", denn sie interpretieren und
beantworten Situationen und Anforderungen mit selbstentworfenem
Handeln. Kinder nutzen Medien im Rahmen ihrer Auseinandersetzung
mit der Umwelt. Wenn Kindergarten und -hort Orte sein sollen, in
denen Kinder modellhaft die Welt erproben, dann gehört die
Auseinandersetzung mit Medien zwingend dazu. Wenn wir uns nicht
von einem deterministischen, sondern von einem handlungsorientierten
Menschenbild leiten lassen, so werden wir von dem ausgehen, was
die Kinder uns von sich zeigen, ihren Prozess begleiten und ihnen
Handlungsmöglichkeiten anbieten. (Medien-) pädagogische
Erziehung heisst dann, in einen persönlichen Dialog mit Kindern
zu treten. Ein Eingehen auf ein Kind, ein Beobachten, ein Hinterfragen
ist stets die primäre medienerzieherische Herausforderung.
2. Methoden der medienpraktischen Arbeit
Dass Medieninhalte von Menschen produziert werden, kann Kindern
bereits im Vor- oder Grundschulalter anschaulich gemacht werden.
Methodische Überlegungen und die Fragestellung, wie denn solche
Inhalte und Prozesse adressatenorientiert vermitteln werden können,
spielen bei den Vorüberlegungen zu einem Medienprojekt mit
Kindern eine wichtige Rolle. Hier muss sowohl die physiologische
als auch die psychologische Entwicklung von Kindern berücksichtigt
werden.
Kinder bis zum Alter von 6 Jahren haben noch kein ausgeprägtes
Zeit- und Sprachverständnis, ihre Fähigkeit, Symbole und
abstrakte Zeichen zu entschlüsseln, ist noch nicht gänzlich
entwickelt. Diese Wahrnehmungsfähigkeiten sind neben individuellen
Besonderheiten und Potenzialen zu beachten (vgl. Näger 1992,
S. 20). Da Kinder weiterhin Schwierigkeiten damit haben, komplexe
Sachverhalte wie die Funktionsweise einer Videokamera oder die Abbildfunktion
eines Fernsehbildes zu begreifen, müssen diese kindgerecht
erklärt werden, sie müssen verständlich und nachvollziehbar
werden. Wir kennen dies vielleicht noch aus der eigenen Kindheit,
als wir glaubten, dass die Menschen im Radio ganz klein sein müssten,
um in ihm Platz zu haben, oder wir haben am Gerät nach einer
Tür gesucht, durch die das Orchester in das Gehäuse gelangen
könnte. In der Vermittlung von Medienkompetenz sind Vereinfachungen,
spielerische Auseinandersetzungen und das eigene Experimentieren
von Kindern mit dem Medium geradezu grundlegend.
Die meisten Mädchen und Jungen lassen sich schnell für
medienpraktische Aktionen begeistern, zumal dann, wenn sie selbstständig
mit dem Fotoapparat oder dem Kassettenrekorder hantieren dürfen.
Das Sammeln eigener Erfahrungen und das Vertrauen auf eigene Fähigkeiten
und Fertigkeiten kann nicht entstehen, wenn ständig Erwachsene
die Apparate halten und lenken!
Die medienpraktischen Aktionen können durch das Spiel mit Handpuppen
kindgerecht begleitet und angeleitet werden. Kinder werden durch
das Auftreten derartiger Figuren aus der Alltagswirklichkeit des
Kindergartens herausgeholt und in eine spielerische Wirklichkeit
geleitet. Hier gelten andere Regeln und Normen. Ängste, wie
z.B. die, auf sprachliches Fehlverhalten hingewiesen zu werden,
gehen verloren, man ist unter sich. In dieser Situation wird es
gerade zurückhaltenden Kindern ermöglicht, sich am Gespräch
zu beteiligen (vgl. Ellwanger/Grömminger 1978). Handpuppen,
wie die Drachenfrau "Ottilie" oder "Rudi" der
Rabe, können freche Späße machen, sie können
Fragen stellen oder auch mal ein Kind anmeckern, wenn es die Situation
stört. "Rudi" oder "Ottilie" sind keine
"Vorzeigefiguren", dafür sind sie viel zu frech,
aber gerade das macht sie so attraktiv für Projektionen und
Wünsche, eine Identifikation mit ihnen ist für die meisten
Jungen und Mädchen so leicht möglich. Die Handpuppe entdeckt
in der Aktion mit den Kinder gemeinsam die Herausforderungen, die
gestellt werden, und sie tut dies auf eine attraktive und lebendige
Art.
Wer schon einmal mit Kindern gespielt oder gearbeitet hat, weiß
um ihren Mut, sich in phantastischen Welten zu bewegen. So zeigen
bisherige Erfahrungen, dass Kinder durch kleine Phantasiespiele
gut angeleitet werden können, um in Aktionen einzutauchen.
Es bedarf zumeist weniger Vorgaben, um Kinder zur Auseinandersetzung
mit inneren Bildern zu ermuntern, die dann zur Konzentration auf
die äußeren Begebenheiten führen. Mit Hilfe eines
Kriechtunnels oder eines Fallschirms, der zu einem Zauberteppich
wird und die "Reise in das Fernsehland" ermöglicht,
sowie mit der Unterstützung durch eine entsprechende Moderation
werden die Gedanken der Kinder auf die bevorstehende Aktion gelenkt.
Das Spielen an sich ist eine geeignete Form, um Medienerlebnisse
zu bearbeiten, so können thematische Spielräume, wie z.B.
die "Wilde-Kerle-Insel", geschaffen werden, in denen Medienerlebnisse
spielerisch bearbeitet werden können (vgl. Neuß/ Pohl/
Zipf 1997). "Spielen schafft Erfahrungsraum und ist die den
Kindern entsprechende Art und Weise, auf die sie sich ihre Umwelt
begreiflich und handhabbar machen (...)" (Näger 1992,
S. 112). Bei längeren medienpraktischen Aktionen ist es wichtig,
Spiele anzubieten, die das Gruppenerleben stärken und körperbetont
sind, damit zwischen den doch oft mühsamen, Konzentration erfordernden
Phasen getobt werden kann. Die meisten Kinder müssen zwischendurch
immer wieder abschalten, etwas anderes tun. Sie lassen dann auch
ohne Bedenken die Kamera stehen und gehen spielen. Damit signalisieren
sie nicht etwa Unlust oder Gleichgültigkeit, sondern sie nehmen
sich die Auszeit, die für sie notwendig ist. Gerade die Arbeit
mit technischen Geräten ist oft zeitintensiv, sie erfordert
große Aufmerksamkeit und einen hohen Körpereinsatz. In
die methodische Vorgehensweise müssen daher immer wieder kleine
Unterbrechungen, wie z.B. Tobespiele eingebaut sein. Die körperlichen
Fähigkeiten (Kraft, Größe, Ausdauer) von Kindern
müssen berücksichtigt werden, um Belastungen (Überforderung)
oder auch Unterforderungen (Langeweile) zu minimieren. Auch Rituale,
ein anfängliches Lied oder ein gemeinsamer Tanz, wirken sich
positiv auf das gemeinsame Vorhaben aus.
3. Beispiele medienpraktischer Arbeit mit
Kindern
Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten, medienpraktisch
mit Kindern zu arbeiten: Sie können Bilderbücher selbst
gestalten, Hörspiele aufnehmen, eine Ton-Diashow erstellen,
in inszenierten Freiräumen wie dem ‚Erlebnisland Fernsehen‘
(vgl. Neuß/ Pohl/ Zipf, 1997) ihre Medienerfahrungen bearbeiten,
Fotogramme entwickeln oder ein Videoprojekt durchführen. Jedes
Medium bietet spezifische Ansatzpunkte um (medien-) pädagogische
Ziele zu erreichen. Ich will an dieser Stelle zwei Praxisangebote
kurz skizzieren.
3.1. Optisches Spielzeug und Trickfilm
Die Herstellung von optischem Spielzeug eignet sich besonders dann,
wenn man sich mit Kindern dem Kulturgut Film oder dem Phänomen
Kino auf eine ganz besondere Art nähern möchte. Dies geschieht
durch das Basteln und Ausprobieren optischer "Apparaturen".
Von der "Camera obscura", der Vorläuferin des Fotoapparates
, über das "Daumenkino", die "Wundertrommel"
und das "Papierkino" bis hin zum "Lebensrad".
(Anmerkung 2)
Mit einfachen Mitteln lassen sich optische Spielzeuge selbst von
jüngeren Kindern herstellen. (Anmerkung 3) Kinder erleben durch
diese medienpraktische Tätigkeit, was eine optische Sinnestäuschung
ist. Es ist für sie spannend, der Bilder-Bewegung auf die Spur
zu kommen. Sie machen Erfahrungen, die einen bleibenden Eindruck
hinterlassen und obendrein viel Spaß machen. Die Kinder begreifen
annähernd, dass Fernseh- und Kinofilme aus Einzelbildern bestehen
und von Menschen für Menschen hergestellte "Illusionen"
sind. Der Abschluss dieser Auseinandersetzung kann in einem gemeinsamen
Kinobesuch münden, der den Besuch des Vorführraumes mit
einschließen kann. Es ist auch möglich, einen Kinderfilm
aus einer Bildstelle oder einem Videoladen auszuleihen und einen
Kinotag im Kindergarten zu organisieren, mit selbstgestalteten Eintrittskarten
und Popcorn, versteht sich!
Aufbauend auf die Arbeit mit den optischen Spielzeugen kann mit
Kindern ein Trickfilm hergestellt werden. Mit Hilfe von Knete, gemalten
Motiven oder anderen Gegenständen können kurze Geschichten
gebastelt und anschließend abgefilmt werden.(Anmerkung 4)
3.2. Videoarbeit
Die praktische Videoarbeit lässt sich im Kindergarten oder
-hort mit Kindern ab ca. 5 Jahren realisieren. Die Arbeit mit der
Videokamera, die ähnlich funktioniert wie die im ‘echten’
Fernsehen, gibt ihnen Denkanstöße, denn sie lernen bewegte
Bilder zu hinterfragen, ihre Wirkung zu erkennen, Geschichten zu
abstrahieren und die mediale Wirklichkeit als eine solche zu erfassen.
Die Vermittlung des ‚Wie kommen die Bilder in den Fernseher?‘
sollte spielerisch geschehen. Durch eine Direktübertragung
von der Kamera auf einen Monitor können sofort die Wirkungen
von Perspektive, Einstellung oder dem Zoom nachvollzogen werden.
Kinder fasziniert dieses Spiel mit der Wirklichkeit, in dem sie
scheinbar Wände hochklettern können, riesig groß
sind oder per Stopptrick plötzlich von der Bildfläche
verschwinden.
Will man mit Kindern einen Videofilm drehen, so muss davon ausgegangen
werden, dass sie sich einen filmischen Spannungsbogen nicht vorstellen
können; sie können einen Handlungszusammenhang nicht so
aufbauen, wie es Erwachsene oder Kinder ab ca. 8 Jahren können.
Daher muss, wenn ein Film entstehen soll, das methodische Vorgehen
aus vielen Einzelschritten bestehen. Die Kinder denken sich gemeinsam
mit den Betreuenden und der Handpuppe ‚Rudi‘ eine Filmgeschichte
aus, die Orte oder Szenen, die sie drehen wollen, können anschließend
als Bilder gemalt und als 'Storyboard' im Gruppenraum aufgehängt
werden. Dann können die ersten Szenen gefilmt und gemeinsam
betrachtet werden, damit der Weg von der Idee bis zu ihrer Realisierung
nicht allzu lang wird. Praktische Videoarbeit ist immer Teamarbeit
und fördert daher die Freisetzung der emotionalen und kreativen
Fähigkeiten ebenso, wie auch das Lernen kooperativer Arbeitsformen:
die Kinder suchen gemeinsam ein Thema aus, arbeiten gemeinsam an
der Filmidee, dem Drehbuch, der Auswahl der Drehorte, den Kostümen.
Hier können sie eigene Ideen einbringen und diskutieren. Ebenso
werden andere Meinungen und Vorschläge angehört und müssen,
wenn dies die Mehrheit entscheidet, akzeptiert werden (vgl. Eder
1997, S. 104). Da erfahrungsgemäß bei den Dreharbeiten
viel Wirbel entsteht, sollte vorher ein Verhaltenskodex abgesprochen
werden. Klare Aufgaben für Kamerafrauen und -männer, die
Tontechnik und die 'Klappe' geben den Kindern das Gefühl von
Verantwortung und dem Team eine gewisse Übersicht. Auch helfen
optische oder akustische Signale wie 'Blinklichter' vor der Tür
oder ein 'Hupen' vor Aufnahmebeginn, dass die Szenerie während
des Drehs nicht gestört wird.
Sind dann alle Szenen im 'Kasten', kann mit dem Filmschnitt und
der Nachvertonung begonnen werden. Tatsächlich ist der Begriff
"Schnitt" missverständlich, denn es wird tatsächlich
eher kopiert. Eine simple aber nicht immer ganz exakte Möglichkeit
des Schnitts ist die Kopie von einem Videorekorder (oder einer Kamera)
auf einen anderen Videorekorder. Eine andere, etwas genauere Verfahrensweise
ist der Schnitt mit digitalen Schnittsystemen bzw. -computern (z.B.
Casablanca/Avio, Sony/Vaio, Ulead Studio, IMac/DVMovie etc.). Trotz
der neuen Digitaltechnik bei der bereits jüngere Kinder problemlos
das Bildmaterial aneinanderfügen und die gewünschte Musik
unterlegen können, sollte diese Arbeitsphase von den MedienpädagogInnen
oder ErzieherInnen angeleitet bzw. durchgeführt werden, die
sich mit der Schnittechnik auskennt. Die Kinder sollten dennoch
so viel es geht in diese Schnittarbeit eingebunden werden. So oft
es geht sollten die "Knöpfchen" an den Geräten
von den Kindern selbst bedient werden.
Wie oben erwähnt, können jüngere Kinder nur schwer
einen "roten Faden" erkennen, so dass in dieser Phase
die MedienpädagogInnen mit einigen älteren Kindern die
inhaltlich ordnende Zusammenführung des Bildmaterials übernehmen
muß. Was aber alle können ist z.B. aus ähnlichem
Bildmaterial die Szenen für den Film auswählen, die ihnen
am Besten gefallen. Hierbei wird intensiv ihr ästhetisches
Empfinden geschult.
Wenn ein Studio, z.B. ein Offener Kanal Fernsehen (hier besteht
für alle BürgerInnen ab 18 Jahre – und auch z.B.
Kindergartengruppen – die Möglichkeit, Kameras auszuleihen,
Filme zu drehen, zu schneiden und über die OK Frequenz ausstrahlen
zu lassen), zur Verfügung steht, bedarf es zwar zusätzlicher
Vorbereitungen (Fahrten ins Studio etc.), der Besuch desselben ist
aber für Kinder ein besonderes Ereignis. Die professionelle
Ausstattung und die Möglichkeit, das Produkt einer großen
Öffentlichkeit präsentieren zu können, bedeutet,
die Kinder ernstzunehmen und zeigt zudem noch deutlicher den Weg
von der Filmidee bis zum endgültigen "im Fernsehen sein".
An den produzierten Film sollten von Seiten der Pädagoginnen
bzw. Pädagogen keine zu hohen qualitativen Erwartungen gestellt
werden. Der Spaß an der Arbeit muß erhalten bleiben,
und was 'sehenswert' ist, entscheiden die Kinder. Diese stört
es oft herzlich wenig, wenn eine Aufnahme unscharf oder verwackelt
ist oder wenn aus Versehen ein Mikrofon im Bild zu sehen ist. Die
Kinder freuen sich an ihren Bildern, sie blenden die für sie
unwesentlichen Dinge aus.
Nicht das Filmprodukt, sondern der Arbeits- und Lernprozess sollten
also im Vordergrund der pädagogischen Bemühungen stehen.
Offenheit für die entwickelte Geschichte der Kinder ist ebenso
notwendig, wie die Fähigkeit, dem Arbeitsprozess einen genügend
großen Zeitrahmen zu geben. Ein Beispiel mag diese ständige
Ambivalenz, die es immer wieder auszuhalten bzw. zu beseitigen gilt,
deutlich machen: Die Kinder und ich sitzen in der Turnhalle. Es
ist abgesprochen, dass ein Film über den Kindergarten gedreht
werden soll. Auf meine Frage, was sie denn filmen wollen, kommen
Antworten, die über die Räumlichkeiten der Turnhalle und
die Personen, die gerade dort versammelt sind, nicht hinausgehen:
'Die Halle', 'Das Klettergerüst', 'Ottilie und Dich'. Weiter
als über diesen sichtbaren Raum hinaus wird zunächst nicht
gedacht. Also gebe ich hier Anregungen, die natürlich von meinen
Vorstellungen von einem ‚Film über den Kindergarten‘
geprägt sind. Hier ist es wichtig, eine angemessene Balance
zu finden zwischen dem Hineingeben von Ideen und dem Abwarten, was
damit geschieht. Stets erneut sind die Fragen zu stellen, wie und
wann in die Verstehens- und Kommunikationsprozesse ordnend eingegriffen
werden, wo Grenzen gesetzt oder Vorgaben gemacht werden sollten.
Denn jede Äußerung und Entscheidung, die getroffen wird,
kann Folgen für die medienpädagogische Situation haben.
Diese Fragen kann man sich aber nur dann stellen, wenn man sich
der eigenen Verantwortung bewusst ist.
4. Und was kommt dabei heraus
Durch medienpraktische Projekte können neben allgemeinpädagogischen
Zielen vor allem solche angestrebt werden, die in ihrer Gesamtheit
die 'Medienkompetenzen' der Kinder stärken. Diese sind zum
Teil medienspezifisch bedingt oder aber inhaltlich gebunden. Ich
will hier nur einige nennen:
• Kinder können im selbstständigen und spielerischen
Umgang mit technischem Gerät seine Funktionsweisen erproben
(medientechnische Kompetenz).
• Durch die Produktion von Bildergeschichten, Hörspielen
oder Filmen erhalten sie Einblick in die besonderen narrative Strukturen
des jeweiligen Mediums ('Lesefähigkeit') und werden an seine
ästhetischen Spezifika herangeführt.
• Die Eigenproduktion kann zudem eine Stärkung des Selbstbewußtseins
schaffen.
• Animiert durch das Medium wird die Kreativität gefördert,
die Phantasie angeregt und in Wort, Ton oder Bild zum Ausdruck gebracht.
Diese Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten lässt innere
Bilder auch für andere transparent werden.
• Kinder erhalten die Möglichkeit, ihre Sinne zu erkunden
und so eine differenzierte akustische oder visuelle Wahrnehmung
zu erreichen. Diese Sensibilisierung für akustische und visuelle
Reize ist eine Voraussetzung für die Fähigkeit zu bewußter,
zielgerichteter Wahrnehmung.
• Dadurch, dass die Produkte den Eltern oder den anderen Kindergruppen
vorgeführt werden (Filmvorführung, Fotoausstellung etc.),
schaffen Kinder sich ihre eigene Öffentlichkeit für ihre
persönlichen Interessen.
• Durch das Verstehen der sie umgebenden Medienwelt erlangen
Kinder Handlungskompetenz im Umgang mit derselben (Kritikfähigkeit).
• Im Gruppenerleben werden in kooperativen Arbeitsformen soziale
und kommunikative Kompetenzen aufgebaut und gefördert.
Wie andere pädagogische Disziplinen steht natürlich auch
die Medienpädagogik unter einem steten Legitimationsdruck ob
ihres Sinns und Zwecks. So wird gerne auch nach ihrem Nutzen, dem
Erreichen der gesetzten Ziele, gefragt. Besonders nach solchen Prozessen,
bei denen scheinbar 'nichts herausgekommen ist', also keine Produkte
entstehen, die den Eltern oder Erzieherinnen bzw. Erziehern gezeigt
und vorgeführt werden könnten, ist die Diskussion oft
müßig. Pädagogische Prozesse sind nicht linear und
es ist nicht immer möglich nachzuvollziehen, ob beabsichtigte
'Lernziele' erreicht wurden, da sie kaum kontrollierbar sind und
sehr stark mit den kindlichen Persönlichkeiten und dem kindlichen
Erleben zusammenhängen. Gerade weil die Lernsituationen in
unserer medienpraktischen Arbeit so vielfältig und offen konzipiert
sind, sind die Reaktionen der Kinder ebenso offen. Der Erfahrungsgewinn
differiert, es kann bei derartigen situationsorientierten didaktischen
Ansätzen keine absolute Gewißheit darüber geben,
welchen Gewinn das einzelne Kind aus der medienpraktischen Aktion
zieht. Nach Hilmer werden kognitive oder emotionale Ziele nur entfaltet
und geübt, wenn sie für das Kind 'erfüllt' werden,
d.h. "bewußt oder unbewusst als Wert erkannt, erlebt,
erfahren, bejaht und angestrebt werden" (Hilmer 1983, S. 45,
in Vogelsang S.115). Aus wahrnehmungspsychologischer Sicht sind
Lehrinhalte immer mehrdeutig, insofern differieren nicht nur die
Erfahrungen, die Kinder aus den Aktionen mitnehmen, sondern jedes
Kind wird auch in unterschiedlicher Weise das Erleben in seinen
Alltag 'transferieren' (vgl. Vogelsang 1994, S. 114). Mag für
das eine Kind bei einem 'Gruselvideoprojekt' die Technik im Vordergund
stehen und es weiss zukünftig, wie eine Kassette in die Kamera
eingelegt wird, so steht bei einem anderen möglicherweise die
Bearbeitung und die Überwindung der Angst vor dem Dunkel im
Vordergrund. Ein situatives medienpraktisches Angebot konfrontiert
jedes Kind gemäß dem eigenen Erleben und der eigenen
Geschichtlichkeit in unterschiedlicher Weise. Entsprechend werden
die Erfahrungen in das kindliche Bewusstsein und in die eigene Biografie
eingearbeitet. Die Realisierungen von Lernzielen beruhen auf der
individuellen Entscheidung der lernenden Kinder und werden stark
von gruppendynamischen Prozessen beeinflusst. (vgl. Duncker 1987,
S. 101). Es ist durchaus möglich, dass Kinder durch das Praxisangebot
nicht die gewünschten Kompetenzen entwickeln.
Hier schließt sich der erzieherische Kreislauf, da wir auf
die Hinweise von Eltern und Erziehenden angewiesen sind, die im
Nachhinein mit den Kindern in Kontakt stehen. Und solange mir Eltern
erzählen: "Es ist ja unglaublich, sobald wir Werbung schauen
erklärt uns Dennis, wo denn nun die Kamera steht oder welche
Tricks die da nun eingebaut haben", weiß ich, dass medienpraktische
Arbeit im Kindergarten angesiedelt werden muß und sinnvoll
ist.
5. Medienpädagogische Forderungen und
Ziele
• Kinder müssen befähigt werden, aus der vielfältigen
Angebotspalette das herauszusuchen, was ihnen Nutzen bringt. Dazu
müssen sie aber zunächst wissen, welche Möglichkeiten
und Inhalte vorhanden sind. Daher sollten gerade Kindergärten
und Schulen eigenständige medienpädagogische Bereiche
aufbauen. Diese sollten die medienpraktische Arbeit (Foto-, Computer-,
Video-, Kinogruppen, Schülerzeitungen etc.) ebenso fördern
wie die medienanalytische Arbeit, in der die Mädchen und Jungen
lernen, mediale Produkte zu analysieren um dadurch eigene Kommunikationsprozesse
besser gestalten zu können. Kommunikative Kompetenzen werden
auf diese Weise entwickelt und lassen Handlungsalternativen entstehen,
die einer 'passiven' Medienrezeption entgegnen.
• Um diese Ziele erreichen zu können, muss die materielle
Ausstattung in den Einrichtungen verbessert werden. Kindergärten
und Schulen dürfen nicht weiterhin zum 'medienfreien' Raum
erklärt werden.
• In der Ausbildung zu allen pädagogischen Berufen muss
die Medienpädagogik als ein verbindlicher Baustein integriert
werden.
o Immer wieder kommen Erziehende oder Lehrende in eine Situation,
in denen sie beispielsweise nach einer preiswert auszuleihenden
Videokamera oder nach Anschauungsmaterial für einen Elternabend
suchen. An dieser Stelle sollten regionale Koordinationsstellen,
die Zugriff zu den Ressourcen haben, Abhilfe schaffen. Aber auch
für Eltern und andere Interessierte sollten medienpädagogische
Ansprechpartnerinnen bzw. -partner zur Verfügung stehen. Diese
können auf regionaler Ebene Fortbildungsmaßnahmen zur
Förderung praktischer und theoretischer Medienarbeit anbieten.
Eine strukturelle Vernetzung vorhandener Institutionen sollte hierbei
stets berücksichtigt werden.
In diesem Zusammenhang sind inhaltliche Ziele auch politische Ziele:
• Gerade in sozialen Brennpunkten (Stichwort: strukturelle
Gewalt) müssen medienpädagogische Projekte angeboten und
finanziert werden. Ein mobiles Angebot, eingebettet z.B. in die
Strassensozialarbeit, kann hier in einen Dialog mit denen treten,
die durch hohen Medienkonsum und kaum vorhandenem Alternativangebot
besonders gefährdet sein können.
o Auch die Kinder auf dem Land müssen in den ‚Genuss‘
der medienpädagogischen Arbeit kommen (mobile ‚Medienbusse‘)
o In jedem Kindergarten und in jeder Schulklasse sind heutzutage
ausländische Mädchen und Jungen anzutreffen. Um einen
interkulturellen Austausch und das gegenseitige Verständnis
zu fördern, müssen medienpädagogische Projekte auch
Themen wie Diskriminierung und Rassismus bearbeiten.
• Eltern/ Erwachsene können von den Kindern lernen. Nicht
nur Erwachsene sollten Kindern die Welt vermitteln, sondern auch
andersherum. Die Kompetenzen der Kinder sollten ernstgenommen werden
(Kinderkultur), nur so kann ein intergenerativer Austausch entstehen.
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die
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Theunert, H./ Lenssen, M./ Schorb, B. (1995): "Wir gucken besser
fern als ihr". Fernsehen für Kinder. München
Vogelsang, H. (1994): Spielpädagogik: Aspekte und Probleme
des Spielens. Hohengehren
Ribbeck, D.v. (1990): Filmproduktion verstehen. München
Anmerkungen:
2: Die Spielzeuge können als Bastelvorlagen beim Deutschen
Filmmuseum Frankfurt bestellt werden: Deutsches Filmmuseum Stadt
Frankfurt am Main, Schaumainkai 41, Frankfurt a.M., Tel.: 069/2123
88 30
3: Arbeitshinweise z.B. bei Näger 1992 und 1995
4: Arbeitshinweise siehe z.B. Kornblum 1995; von Ribbeck 1990
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Dieter Baacke, Projekte ... ··< |: komplett :|
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