| Leipziger Volkszeitung vom 19.07.2008
Richtig einschalten
Experten: Kinder können verantwortungsvollen Umgang mit Fernsehen lernen
Viele Eltern müssen arbeiten, wenn ihre Kinder Ferien haben. Gerade Ältere bleiben dann auch mal alleine zu Hause –und damit oft auch vor dem Fernseher. Das behagt nicht allen Eltern, denn sie möchten gerne wissen, was ihr Nachwuchs sieht. "Kinder können einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Fernseher lernen", sagt Medienpädagogin Christiane Orywal.
Eines schickt die Aktive des Vereins für Medien- und Kulturpädagogik Blickwechsel dabei vorweg: "Wir finden Fernsehen nicht schlimm. Man kann es wie andere Dinge für sich nutzen." Allerdings sei es wichtig, den Kindern auch Alternativen anzubieten. Laut Studien haben die Kinder am meisten Spaß daran, mit Freunden zu spielen. "Fernsehen hat oft auch mit Langeweile zu tun. Daher ist es wichtig, dass Kinder andere Angebote haben, sich verabreden können – auch wenn die Eltern arbeiten müssen."
Das Interesse der Kinder fürs Fernsehen wird automatisch geweckt, da nahezu jeder Haushalt heute über ein oder sogar mehrere TV-Geräte verfügt. Bereits die Kleinsten finden das Flackern und die Geräusche interessant. Unter drei Jahren, sagt Medienpädagogin Orywal, müsse aber kein Kind fernsehen. Es fördere die Entwicklung nicht. Die Initiative Schau hin! des Bundesfamilienministeriums gibt als Richtlinie für Kinder zwischen vier und fünf Jahren einen Umfang von maximal 30 Minuten Fernsehkonsum pro Tag an, von sechs bis neun Jahren höchstens fünf Stunden pro Woche. Ab zehn Jahren übernehmen Kinder immer mehr Verantwortung – da bedarf es klarer Absprachen, wann und wie lange Fernsehen geguckt werden soll und darf. Schon aus diesem Grund gehört nach Meinung der Initiative ein TV-Gerät nicht ins Kinderzimmer, denn dann sei eine Kontrolle kaum noch möglich.
Wichtig sei es, dass Eltern, so oft es geht, gemeinsam mit ihren Kindern fernsehen, sagt Orywal. "Eltern sollten wissen, was die
Kinder gucken, und sich mit ihnen darüber unterhalten." Dabei müssen Mütter und Väter nicht immer alles gut finden, was ihre Jüngsten fesselt. Sie sollten diesen Unmut jedoch nicht sofort kundtun, rät die Medienpädagogin. „Man verbaut sich dadurch eine Chance." Ein Beispiel: Die Zeichentrickserie Spongebob (Schwammkopf). "Darüber scheiden sich die Geister", so Orywal. Eltern finden es oft scheußlich, Kinder lustig. Danach gefragt, was ihnen genau gefällt, antworten die jungen Fans meist, dass die zwei Hauptdarsteller so gute Freunde sind. "Man weiß, dass es gut ausgeht", so die Medienpädagogin.
Genauso wie solche Sendungen für gute Laune sorgen, machen andere Sachen im Fernsehen Kindern Angst. Das können Nachrichten über Kriege genauso sein wie ein spannungsgeladener Ton. "Es kann sein, dass Kinder sich auf einmal verstecken oder in die Hose machen", sagt Orywal. Eltern sollten dann den Fernseher abschalten und über die Erlebnisse mit ihrem Kind sprechen. Über den Einfluss von Gewaltdarstellungen wurde schon viel diskutiert. Oft wird davon ausgegangen, dass im realen Leben Konflikte auch mit Gewalt gelöst werden, wenn dies in der Medienwelt gezeigt wird. "Dass Kinder dies eine zu eins nachmachen, ist meist nicht der Fall", sagt die Medienpädagogin. Dennoch sollte auch über Gewaltdarstellungen und die Unterschiede zwischen Realität und TV Welt gesprochen werden.
Damit der Nachwuchs die kritische und selbstständige Nutzung des Fernsehens lernen kann, muss ihm auch der Unterschied von Werbung und Programm klar gemacht werden. Selbst im Kinderkanal gibt es Werbung – wenn auch nur für eigene Programme. Orientierung im Fernsehdschungel bietet unter anderem der Verein Flimmo auf seinen Internetseiten.
"Man kann sich durchaus auch zum Fernsehen verabreden, wenn man eine bestimmte Sendung gerne sehen möchte", sagt Medienpädagogin Orywal. Allerdings sollte die Flimmerkiste den Tagesablauf nicht diktieren. Zur Not gibt es ja auch noch Video- oder DVD-Rekorder. Auch als Mittel zur Belohnung oder Strafe ist der Fernseher laut Initiative Schau hin! ungeeignet. Damit werde dem Medium eine Bedeutung verliehen, das es nicht verdiene. Und nicht zuletzt sollten die Eltern ihr eigenes Fernsehverhalten überprüfen: Statt oberflächlich hin und her zu zappen oder den Fernseher nebenbei laufen zu lassen, sollten Programme nur zu bestimmten Sendungen bewusst ein- und auch wieder ausgeschaltet werden.
Sabine Schanzmann-Wey
SERVICE
Weitere Informationen zum richtigen Umgang mit dem Fernseher sowie Hilfe bei der Auswahl geeigneter TV-Angebote und Altersempfehlungen gibt es im Internet unter:
www.blickwechsel.org
www.flimmo.de
www.schau-hin.info
Das Servicebüro der Initiative Schau hin! ist telefonisch erreichbar unter: 030 4000 599 59
Quelle: LVZ - Leipziger Volkszeitung
19.07.2008 Seite 30 (Ratgeber Familie)

|