|
|
Frankfurter
Rundschau, Dienstag, 31. Oktober 2006
Stark wie Pippi
Medienpädagogin Sabine Eder über
Drehs im Kindergarten
und "richtiges Fernsehen"
Frankfurter Rundschau: Frau Eder, die Politik
hat die so genannte Unterschicht entdeckt. Gerade hat die Kinderkommission
des Bundestags Sie eingeladen, um Vorschläge zu unterbreiten,
wie man die Medienkompetenz so genannter Problemfamilien verbessern
kann. Wer gehört zu Ihrer Zielgruppe?
Sabine Eder: Als Problemfamilienwürde ich die Familien bezeichnen,
bei denen Eltern kein Bewusstsein dafür haben, dass sie medienerzieherisch
handeln müssen. Das heißt, diese Eltern treffen weder
Absprachen und Regelungen für die Fernseh- oder Computernutzung
mit ihren Kindern, noch sind sie Ansprechpartner, wenn Kinder mit
Inhalten überfordert sind.
Gibt es Anzeichen,
die darauf hindeuten, dass der Umgang mit den Medien ein gesellschaftliches
Problem ist?
Ja, aber ich würde eher von einer gesellschaftlichen Herausforderung
sprechen: Fünf Prozent der drei- bis 13-jährigen Kinder
haben den Fernseher täglich fünf Stunden laufen.
Mit welchen Folgen?
Kinder, die nicht lernen, mit diesen Kulturwerkzeugen umzugehen,
inhaltlich und auch technisch, können diese nicht für
eigene Bildungsziele einsetzen. Die Wissenskluft verschärft
sich. Irgendjemand äußerte den Satz: Die Klugen werden
klüger und die Dummen werden dümmer. Darin liegt die große
Gefahr, dass viele Kinder, wenn wir nicht aufpassen, Opfer der Mediengesellschaft
werden. Dann beherrschen nicht die Kinder die Medien, sondern die
Medien beherrschen die Kinder.
Die Medien zu verteufeln,
dieser Ansatz greift zu kurz. Medienwissenschaftler sagen, ein hoher
Fernsehkonsum sei oftmals nicht die Ursache für familiäre
Schwierigkeiten, sondern lediglich Ausdruck der selben.
Das Fernsehen oder die Medien zu verteufeln, halte ich auch für
falsch. Mit so einer Haltung stoßen wir Familien vor den Kopf,
die damit Probleme haben. Es stimmt, dass die Medien in vielen Fällen
die Kommunikation behindern. Da liegt aber eher an der familiären
Struktur. Der Fernseher — und auch der Computer — müssen
dann als Sinnstifter herhalten. Mit einem Knopfdruck können
sich Kinder und Eltern eine andere Welt ins Zimmer holen. Für
viele Familien ist das ein günstiger Freizeitersatz.
Sind es nicht eher
die Eltern, die Nachhilfe brauchen?
Natürlich auch. Das erfordert aber viel Fingerspitzengefühl.
Wenn ein Kindergarten die Eltern einlädt, um über Wirkung
von Fernsehbildern zu sprechen, oder den Eltern erklären will,
was sie alles falsch machen,
dann bleiben die, die es betrifft, garantiert zu Hause.
Wie kann man diese
Zielgruppe sonst erreichen?
Über die Kinder, denn sie sind es, die im Fokus des Interesses
stehen. Bei den Fortbildungen, die wir den Kindergärten anbieten,
zeigen wir den Erzieherinnen zum Beispiel, wie sie mit den Kindern
zusammen Trickfilme oder Werbespots drehen können. Die Ergebnisse
dieser Projekte werden auf Elternabenden oder an so genannten Eltern-Kind-Nachmittagen
vorgestellt. Diese Veranstaltungen werden von den meisten Eltern
auch besucht. Nach der Vorführung versuchen wir, mit den Vätern
und Müttern ins Gespräch zu kommen. Dabei erklären
wir ihnen ohne erhobenen Zeigefinger, welcher pädagogische
Nutzen hinter solchen Projekten steht. Und dass es Bilder im Fernsehen
gibt, die Kinder überfordern. Ein einzelner Nachmittag reicht
dafür natürlich nicht aus. So etwas muss regelmäßig
veranstaltet werden.
Was können die
Kinder bei der Produktion ihrer eigenen Filme lernen?
Eigene Ideen umzusetzen und im Team zu arbeiten. Und – das
ist ganz wichtig – sie erkennen, wie das Medium die Wirklichkeit
verändert. Ich arbeite zum Beispiel gerne mit dem Stopp-Trick:
Ich frage die Kinder, ob sie genauso stark wie Pippi Langstrumpf
sind. Sie sagen natürlich: "Nein". Dann heben zwei
Erzieherinnen eine Bank hoch, ein Kind stellt sich darunter und
tut so, als würde es die Bank mit nur einem Finger stemmen.
Das Fernsehbild zeigt nur das Kind, die Erzieherinnen sieht man
nicht.
Wo können Erzieherinnen dieses Handwerkszeug
sich und den Kindern noch beibringen?
In den Studios der Offenen Kanäle – und zwar kostenlos.
Die Offenen Kanäle haben einen medienpädagogischen Auftrag.
Das heißt, sie müssen Filme und Radiosendungen von Kindern
auch ausstrahlen. Auf diesem Wege lernen Kinder, dass sie am gesellschaftlichen
Leben teilnehmen können. In einigen Bundesländern –
etwa Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – gibt es auch
Medienmobile, die Kindergärten und Schulen bei der Arbeit vor
Ort unterstützen.
Welche gesetzlichen Regelungenwünschen
Sie sich, um Ihre Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen?
Uns geht es weniger umgesetzliche Regelungen als darum, dass Medienpädagogik
als Querschnittsaufgabe anerkannt wird. Bildungseinrichtungen müssen
entsprechende Angebote schaffen, die für alle von Interesse
sind.
 |
Sabine
Eder, 41, ist Vorsitzende des Vereins Blickwechsel, einem
Zusammenschluss von 40 Kulturwissenschaftlern und Medienpädagogen.
Er wurde 1992 in Göttingen gegründet und bietet bundesweit
Fortbildungen für Erzieherinnen in Kindertagesstätten
an. Kinder produzieren bei diesen Projekten selber Filme oder
Hörspiele. Über diese praktische Arbeit erreichen
die Pädagogen auch Eltern von "Vielsehern".
Bild: Privat |
! Spätestens
seit dem Pisa-Schock haben Politiker aller Couleur erkannt, dass
der richtige Umgang mit Fernsehen, Radio und PC schon im Kindergarten
gelernt werden muss. Entsprechende Richtlinien haben alle Bundesländer
bis auf Thüringen und Sachsen-Anhalt in ihren Bildungsplänen
verankert.
Interview: Antje Hildebrandt

|
 |